Katharina Veit
Fragt sich, wie Menschen ohne Harry Potter gelesen oder gesehen zu haben, ihren Alltag bewältigen.
Typisch Kathi: Netflix und Kakao
kv020@hdm-stuttgart.de
Viel Spaß beim Lesen !!!
„Das ist nur so eine Phase“
Einmal im Hogwartszug sitzen. Einmal über das Viadukt fahren.
Einmal in die magische Welt der Zauberer und Hexen eintauchen.
„Wenn wir träumen betreten wir eine Welt, die ganz und gar uns gehört.”, so Albus Dumbledore in „Harry Potter und der Gefangene von Askaban”. Als J. K. Rowling diese weisen Worte dem Direktor der Zauberschule zuschrieb, war ihr vermutlich die Kraft und Auswirkungen ihrer Fantasyreihe „Harry Potter” noch nicht einmal bewusst.
Feature Text: Katharina Veit
Auf einer Zugfahrt nach London begann Joanne K. Rowling den ersten der sieben Teile der Buchreihe „Harry Potter“ und erschuf eine zauberhafte, mystische Welt mit einem kleinen Waisenjungen, den sowohl junge als auch alte LeserInnen dabei begleiteten, einmal der mächtigste Zauberer in ihrem magischen Universum zu werden. In der Fantasyreihe steht aber nicht nur das Unvorstellbare und der Zauber im Vordergrund, nachdem sich der Großteil der Menschheit so sehr sehnt. Es handelt sich um das Leben eines Jungen, der auf seinem Weg des Erwachsenwerdens, neben Liebe, Freundschaft und Freude mit großer Trauer, Verlust, Hass und dem Tod konfrontiert wird. Ein scheinbar normaler Junge, dem die Bürde aufgelegt wird, seine Familie, Freunde, Mitschüler und jeden weiteren Menschen schützen und retten zu müssen. Wir begleiten Harry Potter dabei, sich stetig weiterzuentwickeln, zu reifen und Probleme mit der Zeit lösen zu können, die sich ihm in seiner fantastischen Welt stellen.
Faszination Fantasy
Das Fantasy-Genre beschreibt einen Bereich des Fantastischen und des Magisch-Geheimnisvollen. Durch Zauber, Magie und Traumwelten voller Fabelwesen wird diese Welt lebendig und definiert. Es hat seinen literarischen Ursprung in der Phantastik aus dem 19. Jahrhundert. Die phantastische Literatur definiert jene Werke, die das Unwirkliche wirklich erscheinen lassen. Hierbei werden die Grenzen zur Realität überschritten und das Unrealistische, Unglaubliche und Unheimliche steht im Mittelpunkt der Erzählung. Dadurch ergeben sich aus der Phantastik zahlreiche Subgenre, unter anderem Science Fiction und Fantasy.
Zauberer, Drachen, Feen, Vampire oder die Vermischung von Tier und Mensch in einem Körper. All diese Kreaturen werden mit dem Begriff Fantasy in Verbindung gebracht. Eine Welt des Übernatürlichen, der die Menschen zu gern angehören wollen. Neben dem Übernatürlichen stehen in diesem Genre jedoch ganz wesentliche Werte im Vordergrund - menschliche und dadurch verletzliche Wesenszüge. Der Kampf zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, Liebe und Hass und Freude und Trauer sind wichtige Merkmale, die dem Menschen so vertraut erscheinen und ihm die Möglichkeit bietet, sich mit den Figuren und der Geschichte zu identifizieren.
Diese Eigenschaften werden oftmals einem Helden zugeschrieben, der sich, ausgestattet mit übernatürlichen Kräften oder magischen Hilfsmitteln, den schönen, aber auch schrecklichen Seiten des einfachen Lebens stellen muss. Der Schauplatz der Geschichte befindet sich nicht allzu weit entfernt von unserer Welt, ist dieser jedoch auch nicht allzu ähnlich. Es wird ein Ort voller Erfindungen, fremden Gegenständen und unterschiedlichsten Elementen geboten. Ein Ort, der in der Vergangenheit existiert oder parallel zu unserem alltäglichen Leben – gegenwärtig und bereit entdeckt zu werden. Es ist eine Welt des Magischen und der Verzauberung, in welcher das Übernatürliche mit Selbstverständlichkeit angenommen wird.
Das kann nicht alles gewesen sein
In einem Interview mit einer Studentin aus Stuttgart, die sich selbst für die Welt der Magie und Mystik begeistert, wurde diese aus einer weiteren Perspektive betrachtet. Die junge Frau ist der Ansicht, dass der Mensch die Fantasy-Welt braucht, da er „nicht dafür gemacht (ist) nur in der Realität und im Hier und Jetzt zu leben“. Neben Onlinespielen sowie Film- und Buchreihen wie „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ und „Games of Thrones“ finden immer wieder neue, fantastische Geschichten einen Platz im weiten Fantasy-Universum. Das Genre beschäftigt sich kaum oder auch gar nicht mit der Digitalisierung, trotz der boomenden digitalen Welt des aktuellen Jahrhunderts. Auch die Studentin aus Stuttgart sah hier einen bedeutsamen Faktor, da „Fantasy das Genre ist, indem Welten erschaffen werden, die vergangenheitsorientiert sind oder (...) die aus dieser zeitlichen Einordnung herausfallen (...) gerade das scheint auch das Spannende daran zu sein, Welten zu erleben, die einen so begeistern“. Aus der Sicht der Vierundzwanzigjährigen wird deutlich, dass Menschlichkeit und Verwundbarkeit einen wichtigen Aspekt darstellen, um sich mit den Figuren identifizieren zu können und in ihrer Welt anzuknüpfen.
Mit den Worten „Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Begriffe wenig mit Fantasy zu tun zuhaben, allerdings sind sie wohl der ‚Schlüssel’, der eine Verknüpfung mit unserer Welt schafft.“ beschreibt sie die wesentliche Faktoren, die dem Genre einen Weg in die Gedanken und Träume des Menschen ermöglichen. Durch ihr Lehramtstudium sieht sie das Fantasy-Genre auch als wichtigen Aspekt für die Entwicklung der Kinder. So werden neben der Fantasie und der Kreativität auch wesentliche Werte des Alltags gefördert und das nicht ausschließlich in der Freizeit. Sie machte jedoch auch klar, dass nicht jedermann und auch nicht jedes Kind mit Fantasy-Büchern oder -Filmen etwas anfangen kann.
„Die Welt der Literatur muss als das betrachtet werden, was sie ist: Als eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Genau das trifft auch auf das Fantasy-Genre zu."
Einmal groß werden mit Harry, Hermine und Ron
Durch die zahlreichen Parallelen und Verknüpfungen in Film- und Buchreihen mit der realen Welt, erhält das Fantasy-Genre eine sehr große Bedeutung, vor allem in der Phase der Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen. Die unterschiedlichsten Lebensentwürfe, die verschiedenen Handlungsoptionen verbunden mit realen Situationen und einem übergeordneten Sinn, die einer Figur zugeschrieben werden, beeinflussen die Lebensweggestaltung junger Menschen und können ihnen helfen sich zu orientieren. Um Gut und Böse zu unterscheiden, für sich selbst und seine Freunde einzusetzen, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren und zu kämpfen sowie die Liebe zu einem anderen Menschen zu erfahren. Die Leser und Zuschauer begleiten Harry Potter dabei zu einem jungen Mann heranzuwachsen.
Der Elfjährige muss sich auf diesem Weg nicht nur anderen, sondern auch sich selbst stellen. Er lernt aus sich herauszuwachsen, für sich selbst einzustehen, zu lieben und geliebt zu werden. Er lernt mit anderen umzugehen, Richtig und Falsch zu unterscheiden und zu erkennen, wer sich Respekt und Toleranz verdient. All diese Herausforderungen stellt sich ein kleiner, unscheinbarer Sonderling, der die wesentliche Werte im Leben erfährt. Dasselbe Muster findet sich in der Trilogie „Herr der Ringe“, in welcher der tapfere Hobbit Frodo das Zentrum der Geschichte einnimmt. Die Fantasy-Helden sind meistens mit magischen Fähigkeiten oder Gegenständen ausgestattet, missen dafür aber die körperlich und emotional starken Eigenschaften. Diese Menschlichkeit ermöglicht es den LeserInnen sich so einfach mit diesen Figuren zu identifizieren und sich in ihrer fantastischen Welt einzufinden.
Einfach ganz weit weg sein. Oder doch nicht ?
Das Fantasy-Genre wird oft mit dem Begriff „Eskapismus“ in Verbindung gebracht, wodurch es mit vielen Vorurteilen überhäuft und kritisiert wird. Eskapismus definiert sich durch die Flucht vor der Wirklichkeit in eine imaginäre Scheinwelt, eine Flucht vor der Realität und ein Verlangen nach Vergnügen und Unordnung. Dabei wird diese Flucht oft negativ gewertet oder abwertend beurteilt. Eskapismus im Fantasy-Genre steht nicht ausschließlich für die Flucht aus dem alltäglichen Leben und dem Bestreben nach Unordnung, denn oft sind es die klaren Grenzen in der magischen Welt, die den Leser in seinen Bann ziehen. Es ist keine Flucht an einen perfekten Ort mit Menschen, Wesen oder Superhelden ohne Fehler und Probleme, schon längst nicht mehr. Die Möglichkeit Abstand von der Realität zu nehmen, ohne sich in einer neuen Welt mit anderen Regeln zu verlieren, ermöglicht es dem Menschen, sich selbst zu erweitern, zu entfalten und zu lernen.
Lumos - Licht ins Dunkle bringen. Einer von vielen Zaubersprüchen, die jeder von uns schon einmal gebraucht hätte.
„Aber glaubt mir, dass man Glück und Zuversicht selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag. Man darf nur nicht vergessen ein Licht an zu lassen."
- Dumbledore -
Durch diese Geschichten ist es möglich, sich eine Auszeit zu nehmen. Woanders sein, jemand anders sein oder endlich man selbst sein. Um der Realität zu entkommen, bietet das Fantasy-Genre für viele eine Flucht in eine andere Welt voller Magie und Mystik, in der Menschlichkeit einen sehr hohen Wert hat – ein fantastischer und scheinbar sorgloser Rückzugsort.
Die Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling ist sich sicher, „dass magische Dinge passieren können, wenn man gute Bücher liest“ und diese ermöglichen es, Neues zu entdecken, mit wichtigen Werten des Lebens umzugehen und sich selbst weiterzuentwickeln.
Liest du schon oder träumst du noch?
Wusstest du schon...
...dass die Sprache „Dothraki” aus Game of Thrones nur für die Serie entwickelt wurde und über mehr als 3000 Worte verfügt
...dass laut Regisseur Jackson von Der Hobbit „im Prinzip ganz Neuseeland mitgespielt hat” - mit mehr als 60 Schauspielern in Sprechrollen, 26.000 Statisten und Pferde aus dem ganzen Land
...dass die Autorin J.K. Rowling von Harry Potter 2010 zur einflussreichsten Frau Großbritanniens ernannt wurde - und somit die Queen eingeholt hat
Du möchtest wirklich alles?
Hier ein Blick hinter die Kulissen in die Produktion und zum Interview zwischen J. K. Rowling und Daniel Radcliffe
https://www.youtube.com/watch?v=7BdVHWz1DPU
