Antonia Becker

Fragt sich (in dieser Ausgabe), ob die eigene Realität eigentlich nicht schon fast Kunst ist.

Typisch Antonia: Immer mit Buch in der Tasche anzutreffen.
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Viel Spaß beim Lesen !!!

Zwischen Realität und Illusion

Vom Surrealismus in der Malerei und der Absurdität des Alltags


Beitragsbild Antonia Becker: Surrealismus

Dinge aus einem anderen Winkel zu betrachten ist manchmal leichter als man zu glauben scheint.

Fiktion und Realität. Absurdität und Rationalität. Fantasie und Wahrheit. Es gibt kaum etwas, das weniger vereinbar scheint.

Und dennoch: Gibt es einen Raum dazwischen? Gibt es eine Art Zwischenstadium, das irgendwie beides ist? Und wenn ja, was ist das, was sich in seiner Widersprüchlichkeit unserer Logik, nicht jedoch aber unserer Faszination entzieht? Die Antwort ist so simpel, wie sie es nicht ist: Ein Paradox einer absoluten Realität. Traumhaftes und Fantastisches, Illusionsloses und Bewusstes, widernatürlich und doch stimmig vereint in einem Zustand neuer Wirklichkeit: dem Surrealismus.

Essay Text: Antonia Becker  

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traumes."
– Salvador Dalí –

Entstanden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, zeigt sich der Surrealismus als geistige Bewegung, die sich von traditionellen Werten verabschiedet, aber auch als Garten neuer Sichtweisen. Brüche gegenüber dem Gutbürgertum, Tabus und Unsinn wachsen zusammen, um aus gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und eine neue Alltagswirklichkeit zu schaffen. Der Gedanke einer höheren Wirklichkeit oder absoluten Realität stemmt sich gegen das Konzept einer Welt voll von Besonnenheit, Vernunft und Rationalität.

Einer der ersten surrealistischen Theoretiker war André Breton. In seinem „Manifest des Surrealismus“ beschreibt er unser Leben als eines unter der „Herrschaft der Logik“. In der Tiefe unseres Geistes würden Kräfte blühen, die, kontrolliert durch unsere Vernunft, in der Welt des Bewussten keine Früchte tragen. Unser Gedächtnis zensiere unsere inneren Traumwelten. Unsere Logik ersticke unsere Fantasie im Keim. André Breton erklärt den Surrealismus als etwas, das „den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht“. Eben ohne Logik und ohne Vernunft.

Gedanken, Wünsche und Visionen

Eine Möglichkeit, diesen reinen Denkprozess abzubilden, sah man in der Bildsprache der Kunst. Kreiert wurden absurde oder auch fantastische Visionen. Man ließ Unbewusstes auf der Leinwand heranreifen, um es einem direkt vor Augen zu halten. Der bekanntere Ast surrealistischer Malerei war jener des sogenannten veristischen – also wirklichkeitsgetreuen, nicht abstrakten – Surrealismus, mit Vertretern wie René Magritte, Yves Tanguy oder Salvador Dalí.

Der Betrachter blickt direkt in die unberührte Natur alternativer Wirklichkeiten. Er blickt in Szenen, die menschliche Konzepte von Wahrnehmung und Perspektive aufheben. Dargestellt werden realweltliche Objekte, jedoch abseits unserer Sehgewohnheit: Sie sind verformt, verzogen, gedehnt, paradox, widersprüchlich. Sie sind unlogisch. Der Betrachter sieht, aber er versteht nicht. Er ist gezwungen, die Kunst aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Wenn man diesen Gedanken nimmt, kann man sich fragen, was wir erkennen könnten, wenn wir unser Leben aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Jeder kann sein eigenes Konzept von Wirklichkeit hinterfragen und wenn man das lange genug macht, ist man früher oder später hier: Irgendwie ist Realität eine Illusion. Denn was würden wir erkennen, wenn wir genauer hinsehen?

Wahrscheinlich unsere Blindheit. Wahrscheinlich sehen wir die Illusion.

Sind wir aber mal ehrlich: Kaum jemand sieht heute noch irgendwo wirklich genau hin. Wir überfliegen, zappen durch, fertigen ab. Alles passiert flüchtig. In unserem Streifzug durch das Leben verpassen wir es glatt. Schade eigentlich, wo es doch so viel zu entdecken, so viel mehr zu begreifen gibt. Oft genug blicken wir in einen Tunnel und sehen nur das, was wir auch sehen wollen. Was könnte dann bloß alles passieren, wenn wir unsere Alltagswirklichkeit durch neue Sichtweisen ersetzen?

Die Kunst des Surrealismus erschafft Bilder, die über das, was wir sehen und verstehen, hinausgehen. Verformte oder verfremdete Objekte stellen Traumhaftes dar und verweisen so auf die verschiedenen Ebenen von Wirklichkeit. Möglicherweise ist es also an der Zeit, anzuerkennen, dass Realität viele Dimensionen haben kann.

Man muss André Bretons Auffassung, dass es keine objektive Grundwahrheit gibt, nicht teilen. Dennoch kann man sie als Anreiz nehmen, sich mit seiner Lebensrealität auseinanderzusetzen. Nicht alles, was wir sehen, ist auch immer genau so, wie wir es sehen. Es kommt darauf an, aus welchem Winkel wir etwas wahrnehmen und mit welchen Ideen oder Vorstellungen wir es düngen. Lässt man also mehr Wahrheiten zu als die, die man selbst als die einzig richtige in seinen Verstand gepflanzt hat, so kann man vielleicht auch Dinge erkennen, die einem sonst verborgen bleiben würden. Laut André Breton beruht der Surrealismus ja auf dem „zweckfreie[n] Spiel des Denkens“, also auf freiem Denken, gelöst von sämtlichen fesselnden Ranken. Darüber hinaus sieht er ihn als Mittel zur „Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme“. Also, vielleicht können wir das ja auch.

Einmal Träume zum Mitnehmen bitte

Doch nicht nur verfremdete oder absurde Elemente sind im Surrealismus von Bedeutung, sondern auch ihre Beziehung zueinander. Welten zwischen Realität und Illusion, Gegensätze oder widernatürliche Elemente sollten verschmelzen. Traum und Wirklichkeit sollten miteinander verwachsen. Was würde das für uns bedeuten? Vielleicht reicht es nicht immer, wenn wir nach Realitätsdimensionen graben und neue Wirklichkeiten einfach nur entdecken. Vielleicht können wir ihnen auch erlauben, einen Platz in unserem Alltag zu finden. Gerade traumhafte Welten, egal ob wir sie in der Nacht oder am Tag erfahren, sind Zweige unserer Wirklichkeit. Sie existieren. Warum also Inneres ausschließen, wenn es doch Teil unserer Realität, Teil von uns ist? Warum nicht scheinbar unvereinbare Aspekte unseres Alltags in harmonischer Weise in Einklang bringen? Denn eines ist sicher: den meisten Menschen täte ein wenig Seelenfrieden gar nicht mal so schlecht.

„Jedes Ding, das wir sehen, verdeckt ein anderes, und wir würden sehr gerne sehen, was uns das Sichtbare versteckt."
– René Magritte –

Maler René Magritte hatte in seiner Kunst jedoch keineswegs vor, diejenigen Träume darzustellen, die wir im Schlaf haben, sondern „eher selbstgewollte Träume […], die nicht einschläfern, sondern aufwecken wollen“. Und manchmal sollte man aufgeweckt werden. Unter Umständen, um zu bemerken, dass jeder die Dinge seiner Umwelt unterschiedlich erfährt, sei es Zeit oder Raum, sei es richtig oder falsch. Es gibt Dinge, von denen angenommen wird, sie seien für alle gleich. Aber was, wenn dem gar nicht so ist? Vielen scheint nicht ganz klar zu sein, dass sie selbst nur eine ganz kleine, unwichtige Rolle im bunten Geflecht unserer Welt spielen. Also kein Grund, von uns selbst auf andere zu schließen.

Was René nicht macht, macht Salvador umso mehr. Denn für Dalí hingegen, war die unbewusste Welt des Träumens eines der häufigsten Themen. In seinen Werken blühen Visionen und Traumfiguren auf. Halluzinationen, Wahn und Paranoia reifen zu Grundsteinen heran. Er stellt bewusst halluzinatorische Zustände her und visualisiert diese mithilfe von realweltlichen Objekten. Meist waren diese psychologische Schlüsselelemente der Traumdeutung, um so die unbewusste Welt des Träumens erfassen zu können. Dalís Intention war es, „diese Welt zu ergründen“ – in einer künstlerischen Weise. Er ließ Traum und Wirklichkeit tatsächlich ineinander wachsen. Er suchte nach etwas, was wir alle so gerne hätten: Erkenntnis. im bunten Geflecht unserer Welt spielen. Also kein Grund, von uns selbst auf andere zu schließen.

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Also, ist Realität nun eine Illusion? Nur, wenn wir sie zu einer machen. Nur, wenn wir einem einzigen Weg, einer einzigen Linie, einer einzigen Einstellung folgen. Oft genug stehen wir in einem Wald voller Probleme und wissen nicht wohin. Und wer weiß, möglicherweise können wir ja einen Pfad entdecken, wenn wir anfangen, nicht nur in eine Richtung zu schauen; wenn wir der Absurdität unseres Alltags antworten – mit noch größerem Unsinn.