Jennifer Weiss
Fragt sich, ob sie eine Hypnose- Erfahrung erleben möchte.
Typisch Jenny: Will immer alles genau wissen und zweifelt viel an sich.
jw146@hdm-stuttgart.de
Viel Spaß beim Lesen !!!
Hypnose als Heilmittel
Lebensfreude nach der Trauer
mit Erfahrungen
aus einem Interview mit
Thomas Sommerer
Das Buch meiner Schwester
Abschied ist etwas, bei dem ich große Probleme habe. Leider musste ich schon drei schwere Abschiede erleben. Als ich 7 war, geschah es zum ersten mal. Mein Bruder hatte einen Motorradunfall und meine Welt wurde durcheinander gewirbelt. Leider verlor ich in den folgenden Jahren auch meine Schwester und meinen Vater. Unser Bestatter half uns viel und zeigte uns Wege mit diesen Abschieden umzugehen und den Schmerz loszuwerden. Inzwischen hat er sich zu dem Thema Hypnose weitergebildet und setzt das damit verbundene Wissen in der Trauerarbeit ein. Hätte mir die Traumwelt der Hypnose bei der Bewältigung der Trauer helfen können? In einem Interview mit Thomas Sommerer – Bestattungsunternehmer, TrauerCoach, TOP-Speaker und Buchautor – durfte ich meine Fragen stellen.
Feature Text & Bilder: Jennifer Weiss
„Jeder trauert anders und geht unterschiedlich mit dem Schmerz um. Es kommt darauf an, auf welche Art die Person von einem geht. Es ist anders, wenn man sich vorher von der Person verabschieden kann. Wenn man ihr sagen kann was einem Leid tut. Bei meinem Bruder geshah es ganz plötzlich. Er war mit seinem Motorrad unterwegs, doch die Zeit verging und er kam nicht wieder. Es klingelte an der Tür und die Polizei teilte uns mit, dass er bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Meine Mutter konnte nur schreien: „Nein, nein, nicht der Sven.“ In dieser Zeit weinten wir viel. Thomas Sommerer führte uns durch den Prozess des Abschiednehmens. Er sagte nicht, dass wir ihn jetzt begraben, sondern dass wir ihn nach Hause bringen. Trotz meines jungen Alters wollte ich an der Beerdigung etwas für meinen Bruder sagen. Diese Worte gaben mir selbst Kraft, damit umzugehen. Mein Vater hob mich an das Mikrofon und ich sagte: „Auch wenn wir unseren Weg nicht gemeinsam gehen können, am Ende des Regenbogens sehen wir uns wieder!“
13 Jahre danach
Thomas Sommerer betritt unser Wohnzimmer. Es ist eine angenehme Athmosphäre und wir beginnen über das Thema Hypnose zu sprechen. Als TrauerCoach hat Thomas Sommerer viele Hypnosesitzungen geleitet, Vorträge darüber gehalten und bildet sich regelmäßig zu dem Thema fort. Als wir selbst Abschied nehmen mussten, unterstützte uns Thomas Sommerer. Er half uns das Erlebte zu verkraften. Wenn man mit ihm redet, gibt er einem das Gefühl, dass alles in Ordnung ist und man wird ruhig. Ich beginne meine Fragen zu stellen. Ein fesselndes Interview beginnt:
Der Mythos Hypnose
Eine der meist gestellten Fragen zu diesem Thema ist: was ist Hypnose, schläft man da? Die Leute gehen davon aus, dass Hypnose ein Vorgang ist, in dem man wie bei einer Narkose wegtritt. Man schläft ein und wacht in der nächsten Sekunde wieder auf, weiß aber nicht was passiert ist und dass eigentlich ein paar Stunden vergangen sind.
Die Realität Hypnose
So wie Traurigkeit oder glücklich sein ein Zustand ist, so ist auch die Hypnose ein Zustand. Da man in dieser nicht wegtritt, bedeutet das, dass man wach ist. Der Hypnotiseur hat bei der Einleitung der Hypnose die Aufgabe, dass sein Gegenüber in eine bestimmte Ruhe kommt. In erster Linie in die seelische Ruhe, aber auch in die Ruhe des Zellsystems. Auch wenn man in der Hypnose nicht schläft, ist es mit dem Vorgang des Einschlafens zu vergleichen. Der Verstand, der rund um das Gehirn vernetzt ist und das Bewertungssystem beinhaltet, koppelt sich quasi vom Zellsystem ab. Daher bekommt der Mensch nicht mit, dass das Zellsystem sich in der Nacht regeneriert. Auch das Gefühl dabei erlebt man nicht, denn der Verstand, der eine Bewertung wie „das ist aber schön“ geben würde, ist schließlich abgekoppelt. Bei der Hypnose ist es aber so, dass der Klient alles mitbekommt, weil er eben wach ist und der Verstand somit aktiv. Der Körper (Zellsystem) ist ähnlich dem nächtlichlichen Schlafzustand in völliger Ruhe. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem der Hypnotiseur sagt: „und schlaf“, welches im Grunde nur der Hinweis an den Körper ist. Während der Hypnose regenerieren die 100 Billionen Zellen, aus denen unser Körper in etwa besteht. Das ist was der Hypnotisierte empfindet: das Regeneriren seines Zellsystems. Thomas Sommerer sagt: „Das ist so geil und so phantastisch, da kann man gar nicht genug davon kriegen.“ Während dem Hypnotischen Zustands kann es passieren, dass die Augen flattern. Deshalb benutzen Hypnotiseure bei einem Hypnotischen Zustand den Fachausdruck REM-Phase (Rapid eye Movement). Daran kann man unter anderem erkennen, dass sich jemand tief in der Hypnose befindet.
„Um das Geschehene zu verarbeiten, gingen wir viel im Wald spazieren. Wir schrien unsere Wut heraus oder redeten mit Sven, egal ob er uns hörte oder nicht. Wir begannen mit Pferden zu arbeiten. Dies half uns wieder Lebensfreude zu bekommen. Pferde geben einem Freiheit, Kraft und sorgen beim Galoppieren über die Wiese für ein Gefühl, bei dem man an nichts anderes mehr denkt. Zunächst nahmen wir Reitunterricht und nach einem Jahr kauften wir eigene Pferde. Ich war viel mit meinem Vater ausreiten. Dabei konnten wir miteinander reden oder die Ruhe des Waldes genießen. Ich nahm an Kursen von Pferdeflüsterern teil, um das Pferd besser zu verstehen. Dabei arbeitet man viel mit Energie und Ruhe. Es tut gut wenn das Pferd einen versteht und man „Antworten“ bekommt, indem das Pferd ohne großen Druck mit einem arbeitet. Man muss dabei lernen selbstbewußt zu stehen und trotzdem nicht zu viel Energie zu verwenden. Manchmal ist es wie Magie, das Pferd an die gedachte Stelle zu bewegen und doch kontrolliert man es nicht. Thomas Sommerer hat uns ermutigt, trotz des Todes meines Bruders zu lachen. Warum sollte man das nicht dürfen? Er wäre der letzte Mensch gewesen, der wollte, dass wir nur noch um ihn trauern.“
Gefahren in der Hypnose?
Viele Leute haben Angst, in der Hypnose die Kontrolle zu verlieren oder gar Geheimnisse zu verraten. Doch bei einer Hypnose sagt der Hypnotiseur: „Bei drei schließt du die Augen“. Dabei ist schon klar, dass der Klient selber aktiv werden muss. Der Hypnotiseur hat nie die Macht oder gar eine magische Kraft, bei jemanden ins Unterbewusstsein einzudringen. Man muss selber den Körper fallen lassen und komplett entspannen. Man kann jederzeit aufstehen und abbrechen. Sobald man sich nicht drauf einlässt, funktioniert die Hypnose nicht. Denn dann ist die Logik aktiv und man kann sich nicht entspannen. Auch fürchten die Menschen, dass man in einer Hypnose stecken bleiben kann. Was ist wenn der Hypnotiseur während der Hypnose ohnmächtig wird? Thomas Sommerer hat viel Humor und sagt oft in seinen Vorträgen: „Ja, das ist ganz furchtbar, ich habe hinten im Keller einen Raum. Da stehen alle.“ Wenn er dann sagt, dass er sie an Halloween rauslässt, ist klar, dass es ein Spaß war. Er sagt: „In was will man denn Stecken bleiben, wenn man wach ist?“. Die Entspannung löst sich von alleine, wenn die Stimme, die für die Entspannung gesorgt hat, plötzlich nicht mehr da ist. Wir wollen ja wissen was los ist.
Hypnose im Alltag?
Hypnose fängt schon im Alltag an. Jeder kennt es, man steht an der roten Ampel, in Gedanken ist man beim letzten Sommerurlaub. Der Mensch hat faszinierenderweise Bilder im Kopf. Wir sehen in unserem Gehirn Erinnerungen aus diesem Urlaub. Doch plötzlich hupt es und die Ampel ist grün. Man hatte die ganze Zeit die Augen offen und doch hat man nicht gesehen, dass die Ampel umgesprungen ist. Ein wesentlicher Bestandteil der Hypnose ist, dass die Aufmerksamkeit auf das innere Erleben gerichtet ist. Bei Tagträumen trifft das zu 100% zu. Die wissenschaft hat herausgefunden, dass ein Mensch nur auf drei Arten denkt. Wir machen uns innere Bilder oder Filme, wir führen innere Dialoge oder wir haben unsere emotionale Gefühlswelt. Das macht tatsächlich jeder Mensch anders. Auch sind im Gehirn von Natur aus alle sogenannten Ressourcen vorhanden, die einem ermöglichen, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Es gibt viele davon, wie zum Beispiel Ausgeglichenheit, Geborgenheit, Schutz, innere Ruhe, inneren Frieden und viele mehr. Der Mensch hat allerdings keinen willentlichen Zugriff darauf. Doch in einem Hypnotischen Zustand kann man den Zugang auf diese Ressourcen erreichen.
Angst nimmt einen wie diese Kordel gefangen
Wenn jemand mit einer Phobie sagt, er möchte diese Angst nicht mehr haben, kennt das Gehirn das Wort „nicht“ nicht. Es sieht nur das Bild der Phobie. So füttert man das Angst-Programm. Die Angst verstärkt sich und kann sich von diesm Moment an zu einem Panikverhalten entwickeln. Man sollte nicht sofort an das Wegnehmen des Programms (Angst) denken, sondern eher daran, dass Verhalten so „umzuprogramieren“, dass es „gesund“ funktioniert (zum Beispiel innere Ruhe). Denn wenn ein Programm einmal umprogrammiert ist, dann ist das alte nicht mehr existent. Eine ehemalige Angst ist nach einem solchen Vorgang nicht mehr möglich.
„Wir redeten viel mit anderen Leuten über Sven und erlebten Freude bei den Erinnerungen. Auch zog ich deshalb gerne Svens Pullis zum schlafen an und durfte ein gekauftes Kuscheltier selbst stopfen, das eine Geburtsurkunde mit dem Namen Sven hatte. Diesen Koala nahm ich immer in den Arm, wenn die Sehnsucht nach Sven zu groß wurde. Man träumt davon, dass man ihn genauso in den Arm nehmen kann. Ich sah Sven auch oft in meinen Träumen. Darin sagte er: „Mir geht es gut da wo ich bin und ich möchte gar nicht mehr zurück auf die Erde. Hier werde ich gerade dringender gebraucht.“ Dann ging er wieder. Man-chmal denkt man auch: stehst du vor mir oder werde ich verrückt? Ich sah ihn auch tagsüber mit offenen Augen.“
Hypnose und Traum
Kann man Hypnose überhaupt mit Träumen vergleichen, wenn man gar nicht schläft? Das Unterbewusstsein kann in einer zehntel Sekunde 20.000.000 Informationen aufnehmen und verarbeiten. Ein Traum setzt sich aus verschiedenen Eindrücken zusammen. Dabei ist das Unterbewusstsein alleine kreativ. Der Verstand wird automatisch immer wieder wach und legt Wertung und Gefühl in den Traum. Bei jemandem, der ganz tief trauert, kann es passieren, dass er vom Tod der Person träumt und im Schlaf weint. Das sind aktive Wahrnehmungssinne, die zunächst keine Bedeutung haben, bis der Inhaber des Gehirns ein Gefühl und einen Wert in den Traum legt (der wach werdende Verstand). In einem hypnotischen Zustand sind die Wahrnehmungssinne bis zu zehn Mal intensiever als im Wachbewusstsein. Man ist vollkomen wach und befindet sich dennoch in einem tiefen Zustand der Entspannung. So kann es passieren, dass zum Beispiel ein lautes Motorrad vorbei fährt, welches den Hypnotisierten aus der Hypnose reißen könnte. Um das zu vermeiden, ist es wichtig, dass der Hypnotiseur plötzlich auftretende, laute Geräusche sofort aufgreift und in seine suggestionen wohltuend einbaut. Er sagt beispielsweise den Satz: „Und so kann ein lautes Motorrad dafür sorgen, dass du tiefer und tiefer in diesen angenehmen Zustand hinein sinken kannst.“ Würde er das nicht machen, könnte es passieren, dass der Klient wieder beginnt logisch zu denken. Und sobald das passiert, holt die Logik einen aus dem entspannten Zustand heraus.
„Meine Schwester Daniela hatte seit ihrer Geburt die Krankheit Spina bifida. Bei dieser Krankheit kommt man mit einem offenen Rücken zur Welt. Meiner Schwester wurde vorausgesagt, dass sie nur ein paar Tage überlebt. Doch sie machte all das was von den Ärzten als unmöglich vorausgesagt wurde. Sie brachte 2006 ihre Tochter Daria zur Welt. Als diese 4 Jahre alt war, wurde bei Daniela Blasenkrebs diagnostiziert und sie musste viele Chemotherapien durchhalten. Oft waren mein Vater und sie zusammen bei der „Chemo“, denn er bekam im gleichen Jahr Darmkrebs. Sie saßen oft schwach am Tisch und mussten zusammen kämpfen. An dem Tag, an dem sie starb, war unser Cousin Heiko bei ihr im Krankenhaus. Daniela hatte Kopfschmerzen und er wollte beim Gehen die Ärztin um eine Tablette bitten. Doch als die Ärztin kam war sie schon tot. Es war eine andere Trauer, als bei meinem Bruder, denn meine Schwester hat sich gequält und ich war mir sicher, dass es ihr jetzt besser ging. Um ihren Tod zu verarbeiten, hörte ich mir oft die Lieder auf ihrem Handy an und las in einem Heft, das sie für uns geschrieben hatte. Darin war eine Seite, die sie nur für Daria und mich geschreiben hatte. An mich richtete sie die Worte: „Du bist ein ganz besonders toller, liebevoller, mit Gott erfüllter, Mensch. Viele Reden: Das kann ich nicht! NEIN! Ich weiß, du kannst es.“ Dazu hatte sie ein Bild gemalt, das zeigt wie sie sich das Leben nach dem Tod vorstellte. Wir können diese andere Welt nicht sehen, wir leben wie in Schubladen in einem Schreibtisch. Hinter der Holzwand waren alle gemalt, die gestorben sind. (Bild oben) Sie waren auf einer grünen Wiese und sie flog als Engel darüber. Das hilft mir sehr wenn die Sehnsucht zu groß wird. Ich kann mir vorstellen wo sie gerade sind und in diese schöne Welt in meinen Vorstellungen abtauchen.
Trauerphasen
Die Trauerpsychologie sagt, dass eine durchschnittliche Trauerphase drei Jahre dauert. Danach ist der Mensch in der Lage den Verlust in das Leben integriert zu haben. Schlimme Verluste können einen fünf Jahre oder sogar das ganze Leben belasten. Das erste Jahr ist das schlimmste, denn die Person fehlt plötzlich. Im Laufe der Zeit sammelt man Erfahrung und es wird einfacher, mit dem Verlust umzugehen. Thomas Sommerer macht bei den Menschen, die er bisher betreut hat, auch die Erfahrung, dass jeder Mensch anders trauert. Jeder geht anders mit Verlust um, jeder geht anders mit Veränderung um. Ein Verlust ist nichts anderes als eine Veränderung. Die meisten haben Angst vor Veränderungen. Jemand der gerne Veränderungen im Leben hat kann einfacher mit Verlust umgehen. Er hat natürlich die Verlustphasen wie Schock, Weinen oder Hass. Allerdings legt sich das relativ schnell. Thomas Sommerer sagt: „Der Verstorbene würde uns ja zurufen: hey genieß dein Leben, mach weiter. Hab Freude!“ Die Idee der Psychologie, Leid und Schmerz ins Leben zu integrieren und Trauernde dabei zu unterstützen, mit dem Schmerz zu leben, findet Thomas Sommerer nicht gut. Seine Alternative ist es, Wege zu finden, gesund mit einem erlittenen Verlust umgehen zu können. Am Ende sollte stehen, das Leben wieder genießen zu können. Doch das Schlimmste was einen daran hindert ist der Geselltschaftsdruck. Wie kann man nach kurzer Zeit dastehn und sich am Leben freuen? Wie kannst du dich nur freuen, schäm dich. Da sieht man mal wie du deinen Mann geliebt hast und vieles mehr. Thomas Sommerer sagt: „[...] wenn Menschen mit solchen Äußerungen ums Eck kommen und man will im Sinne des verstorbenen das Leben wieder genießen, dann braucht man wirklich die Kraft, innerlich zu sagen: fick dich!“
Hypnose speziell in der Trauer
In der Trauerarbeit verwendet Thomas Sommerer die Hypnose indirekt und nutzt bildhafte Sprache. Er gibt Tipps und führt durch den Verlustprozess, weil er möchte, dass die Menschen so wenig Trauerprozesse wie möglich entwickeln, da diese gesundheitsschädigend sind. Wenn Menschen im Trauergespräch sagen, dass sie den Sarg zu lassen wollen, gehen bei Thomas Sommerer „alle Lampen an“. Dann zieht er alle Register, um den Menschen zu zeigen wie wichtig es ist, zu spüren wie kalt die Hand ist oder wie sich die Person im Laufe der Zeit bis zur Beerdigung verändert. Man gewöhnt sich ein Stück weit an den Moment. Herr Sommer sagt: „[...] wenn das immer noch nicht hilft, [...] ist mein letzter Überzeuger: wissen Sie, Frau Müller, am Freitag ist die Beerdigung ihres Mannes. Jetzt haben wir Dienstag, [...] am Donnerstagabend [...]ist die letzte Möglichkeit, [...] ihren Mann jemals wieder zu sehen. Danach nie, nie wieder!“ Da sehen die Menschen ein, dass es wichtig ist, sich von der Person zu verabschieden. Wichtig ist ihnen Zeit zu geben. Auch wenn es eine Stunde dauert vom Eingang des Abschiedraums bis zum Wagen auf dem der Sarg steht. Der Prozess danach ist immer der gleiche. Entweder fangen die Trauernden an zu weinen oder sie beginnen zu sprechen. Thomas Sommerers Worte im interview waren: „[...] es ist wichtig[...], dass man bei Kunden, die jetzt wirklich plötzlich jeden Tag ein, zwei, drei Mal kommen, sagt: okay, wir nehmen uns jetzt einfach mal ein, zwei, drei, vier Stunden Zeit und zwar so lange[...], bis sie wirklich vollkommen hier drin sagen: puh, jetzt bin ich bereit, ihn nicht mehr zu sehen, jetzt bin ich bereit! [...] Jetzt ist das kein Coaching in dem Sinn, das sind Tipps, die ich gebe. Aber diese Tipps sind Gold, Gold, Gold und Seelen Wert, Friedenswert sogar!“ Mittlerweile schließt Thomas Sommerer auch den Sarg zusammen mit Angehörigen. Dann ist plötzlich Kraft und Stärke vorhanden. Wichtig ist auch die Trauerfeier so zu gestalten, dass der Verstorbene sagen würde: „Das habt ihr so toll gemacht, danke!“ Denn dann verlässt man den Friedhof mit einem Gefühl der Zufriedenheit und der inneren Ruhe.
Erinnerungen der Person im Bild festhalten hilft
„Jetzt, wo auch mein Vater nach langem Leiden von uns gegangen ist, weiß ich einmal mehr, dass man immer anders trauert. Es war ein langer Weg und er hat sehr darunter gelitten, dass der Tumor in die Lunge wanderte. Ich erinnere mich gerne an die gemeinsame Zeit und unsere Projekte, die wir machten. Wir programmierten eine LED-Uhr mit Fernbedienung oder Steckdosen, die mit einer App geschaltet werden können. Für mich ist das Erinnern, eine meiner Traumwelten. Er hat trotz aller Schmerzen alles für die Familie getan und war immer für mich da. Wir ritten, als es ihm noch besser ging, oft zusammen aus. Doch eines Tages überschlug sich das Pferd und fiel auf seine Hüfte. Das war unter anderem eines meiner schlimmsten Erlebnisse. Ich hatte danach oft Angst um ihn. Da ich jetzt mehr über Hypnose weiß, überlege ich, wie diese Angst in meinem Kopf aussieht. Ich denke, ich habe sie als Bild vor mir. Wenn ich daran denke, sehe ich wie sich das Pferd überschlägt. An der Schwachstelle wuchs ein Tumor und hielt die angebrochene Hüfte zusammen. Er sorgte aber dafür, dass mein Vater solche Schmerzen bekam, dass er eine Morfinpumpe brauchte. Im letzten halben Jahr war es ihm nur noch möglich zu stehen und zu liegen. Sitzen war gar nicht mehr möglich, laufen nur unter großen Schmerzen. Das konnten wir kaum mit ansehen. Es tat ihm unendlich leid, uns ständig zu rufen, um ihm zu helfen. Doch wir machten das gern für ihn. Er drückte selten auf die Morfinpumpe, denn er wollte mit dem Kopf bei uns sein. Doch als es sehr schlimm wurde, musste er er den Knopf betätigen. Durch das Morfin schlief er viel und auch während dem reden ein. Da er nicht mehr in den Stall gehen konnte, erzählten wir ihm alles was wir erlebt hatten.
Hypnose und Krankheiten
Thomas Sommerer berichtete von einem Erlebniss in einem TrauerChoaching. Ein Mann bat ihn um ein Coaching.
„Es geschah plötzlich. Seine Tochter fuhr Skateboard und zog sich eine Schürfwunde zu. Niemand dachte sich etwas Schlimmes. Doch sie starb an einer Blutvergiftung. Seit dem litt der Vater unter dem Verlust und konnte sich bis zu dem besagten TrauerCoaching nicht mehr richtig freuen.“Der Mann konnte wegen seines Knies kaum laufen. Nach dem Coaching richtete er sich auf und fing an zu weinen. „Ich freue mich“ sagte er. Thomas Sommer sagte im Interview: „Glückstränen, das ist das Schönste meiner Arbeit. Was schöneres gibt es nicht, als Menschen vor Freude weinen zu sehen!“ Er bat den Mann aufzustehen. Dieser stand auf und sagte: „Das gibt es ja nicht!“ Er konnte wieder ohne Schmerzen laufen. Hypnose kann Krankheiten nicht direkt heilen, aber sie hat ihm den Zugriff auf Freude ermöglicht. Das der Mann so schlecht laufen konnte, lag an seinem alten Trauerverhalten. Nach dem seine Tochter starb, fiel ihm der Fortschritt schwer. Fortschritt steht für Flexibilität. Im Sinne von „Körper folgt Geist“ sind es die Beine, die für Fortschrit stehen und Knie die für Flexibilität im Fortschritt stehen. Nachdem er sich aus diesem Verhalten gelöst hatte, wurde auch das Knie besser. Wir Menschen sind krank, weil mental etwas nicht in Ordnung ist. Laut Herrn Sommerer werden die meisten Krankheiten nicht vererbt. Wir erben maximal eine „kranke“ Denk- und/oder Verhaltensweiße (Grundprägungsphase Geburt bis zum achten Lebensjahr).
Man sollte sich, wenn man krank ist, immer überlegen, was einen in den letzten Wochen oder Tagen gestört hat. Denn wenn wir voller Überzeugung sagen: „Ich habe die Nase voll!!!“ kannst du davon ausgehen, dass du spätestens zwi Tage später Schnupfen bekommst. Es reicht auch schon eine depressiv gestimmte Haltung: „Ich habe keine Kraft mehr“. Das Immunsystem „fährt herunter“ und wir werden krank.
„In den letzten Wochen ging es meinem Vater zunehmend schlechter. Von einem auf den anderen, Tag konnte er fast nur noch schlafen. Auch einfache Dinge, wie das Halten eines Wasserglases war für ihn schwierig. Wir legten uns zum schlafen in seine Nähe, damit wir ihn hören konnten. Auch als keine Reaktion mehr von ihm kam, redeten wir mit ihm und sagten, dass er loslassen kann. Dass er gehen kann und wir es schaffen würden. Es war schrecklich zu sehen, wie er litt und nichts sagen konnte. Er verzog das Gesicht wenn er einen trockenen Mund hatte und wir gaben ihm mit besonderen Wattestbäbchen Flüssigkeit. Als er dann seinen letzten Atemzug machte, war ich bei den Pferden. Ich habe das Gefühl, dass er extra gewartet hat, bis Daria und ich nicht da sind. Ich weiß, es hört sich verrückt an, aber irgendwie habe ich es gespürt. Wie mir im Nachhinein klar wurde, habe ich genau im Moment, als er von uns gegangen ist, verschiedene Bilder unserer Erlebnisse gesehen. Ich bin zwar traurig und könnte oft schreien: „Jetzt brauche ich dich ganz dringend, aber du bist nicht da“, doch ich bin froh, dass er nun keine Schmerzen, Angst und Qualen mehr hat.“
Hypnose im Sterben
Die Angst vor dem Sterben ist nichts anderes als eine Spinnenphobie. So sachlich das auch klingen mag. Das erste Coaching mit einem im Sterben liegenden war schwierig für Herrn Sommerer, weil die Gesellschaft ablehnend war: Wie kann man einen Sterbenden hypnotisieren und Coachen. Wie unverschämt ist das denn? Herr Sommerer sagt aber: „[...] plötzlich, ist diese Angst umgewandelt und der Zugriff auf inneren Frieden ist wieder vorhanden, warum soll denn jemand nicht Zugriff auf inneren Frieden haben, der im Sterben liegt, hallo?“ Jeder Sterbende, mit dem Thomas Sommerer gearbeitet hat, hatte wieder Zugriff auf inneren Frieden und Leichtigkeit. Diese Menschen sind nach ein paar Tagen gestorben, weil sie loslassen konnten. Natürlich muss man sich auch um die Angehörigen kümmern. Er fragt sie, ob sie schon Abschied genommen haben. Meistens sind die Menschen geschockt und denken, das können sie doch nicht tun. Wichtig sind dabei die vier wohltuenden Prozesse die Thomas Sommerer in seinem Buch „Der Trauer Coach: Neue Wege der Trauerarbeit“ beschreibt.
Als erstes sagen wir der Person, dass wir sie lieben, warum lieben wir sie und wie hat sie unser Leben geprägt. In Schritt zwei sagen wir, wie und warum wir die Person vermissen werden. Man fragt, ob man noch irgendetwas für sie tun kann und zeigt seine Dankbarkeit. Der dritte Schritt kann uns schwerfallen. Wir sagen, wo wir mal ungerecht waren und die Person verletzt haben und dass es uns leid tut und wir sie nie verletzen wollten. Herr Sommerer sagt: „Wenn er tot ist kommt keine Reaktion mehr. Du kannst die Prozesse zwar auch machen, aber es ist besser du kriegst Antworten und Reaktionen. [...] am Ende, wenn alles aufgezählt ist [...] zu sagen, ich bitte dich von Herzen an dieser Stelle um Verzeihung. Und wenn jetzt der Segen kommt, dieses, hey ist doch alles gut, dann ist das ein Schatz fürs ganze Leben, der Grundbaustein für alles, was die Verarbeitung angeht.“
Füreinander da sein ist wichtig
Im vierten Schritt braucht man die Kraft, zu sagen, was einen selbst mal verletzt hat, was die Person mal ungerechtes getan hat. Man sollte ganz normal mit der Person reden, sie ist meistens froh, dass man normal spricht. An dieser Stelle sagt man der Person, dass man ihr auch verzeiht und dass alles gut ist. Nachdem alles geklärt ist, endet es oft in Tränen, in Freude und in Umarmungen, aber es ist Abschied genommen. Es gibt auch dem Sterbenden Kraft. Wenn dieses Abschied nehmen nicht dafür gesorgt hat, dass die Person den Frieden erfahren kann, dann fragt Thomas Sommerer die Person, ob sie Angst vor dem Sterben hat. Wenn kein klares Nein kommt, nutzt er wieder bildhafte Sprache. Es ist wichtig, die Angehörigen vorzubereiten was jetzt auf sie zukommt. Man kann die Hand halten und einfach nur da sein.
„Das Interview neigt sich dem Ende zu. Doch eines habe ich noch nicht verstanden: „Nur eins noch das ist mir jetzt so währenddessen eingefallen. Wenn du immer sagst: „und schlaf“, was soll derjenige in dem Moment tun, weil er schläft ja nicht?“ Thomas Sommerer sagt zu mir: „Gar nichts. Pass auf, wir machen jetzt keine Hypnose in dem Sinne“ Er nahm meinen Arm und zeigte mir in Zeitlupe, was er macht. Es ist ein leichter Ruck am Arm. Er sagt „und schlaf“ und stampft dabei mit dem Fuß. Während ich Schock empfinde, wissen die Zellen genau was zu tun ist, und man lässt sich fallen. Vorher muss Herr Sommerer natürlich für die Entspannung sorgen. Er redet mit einem und sagt: „Ich zähle jetzt von 1 bis 3 und bei 3 will ich einfach, dass du mal beginnst den gesamten Fokus deiner Aufmerksamkeit, deine Konzentration auf den Klang meiner Stimme zu richten, nur auf den Klang meiner Stimme. Der Inhalt meiner Worte ist gar nicht so wichtig. Es ist oft der Klang meiner Stimme, der dafür sorgen kann, dass du mit jedem Atemzug entspannter sein kannst. Guck mal, merkst du das gerade?“ Faszinierend für mich ist, dass er im nachhinein sagte, dass nicht viel gefehlt hat, um mich in Hypnose zu bringen. Ich hätte mich nur noch darauf einlassen und mich fallen lassen müssen. Ich bedanke mich für das Interview und Thomas Sommerer verlässt das Wohnzimmer.“
