Lea Aylin Rupp

Fragt sich, ob das Pixel-Spiel Minecraft wohl alles überdauert.

Typisch Lea: Hat immer eine Stephen King Privatbibliothek am Start.
lr062@hdm-stuttgart.de

Viel Spaß beim Lesen !!!

Pixel, die dein Herz gewinnen


Beitragsbild Lea Rupp: Press Start

Manchmal muss man nur loslegen: Press Start ist ein Anfang, sowohl in der Realität, als auch im Spiel.

Ich robbe durch das hohe, taunasse Gras. Da liegt er – Dragon. Seine Schuppen funkeln im Licht und seine riesigen Flügel ruhen schützend über seinem gigantischen Körper. Ich erhebe mich langsam. Ich streiche meine langen, roten Haare hinter meine spitzen Ohren. Auf meinem Rücken liegt der bestickte Lederbeutel fest an meinem Körper an, gefüllt mit unzähligen Pfeilen. Ich greife nach einem Pfeil, spanne meinen hölzernen Bogen und ziele auf Dragons Kopf. Ich lasse los und der Pfeil zischt durch die Luft. Ich treffe Dragons linke Wange. Ein grauenvoller Schrei erfüllt die Lichtung. Dragon spreizt seine Flügel, gleitet mühelos in den Himmel und umkreist mich. Ich setze zum Schuss an. Eine meiner Haarsträhnen umschlingt die Pfeile und sofort lodern sie vor mir auf. Ich lasse einen feurigen Pfeilhagel über ihn hinabregnen. Jetzt habe ich ihn!

Feature Text & Bilder: Lea Aylin Rupp  

Emily rückt ein Stück näher zum Bildschirm und seufzt erleichtert: „Ja, gleich geschafft!“. Sie sieht die Welt durch die Augen von ihrem gespielten Charakter. Einer Elfe, die sehr gut mit Pfeil und Bogen umgehen kann und magische Feuerkräfte besitzt. Emily spielt ein sogenanntes MMORPG, ein Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel. Hier bestreiten unzählige Spieler weltweit zusammen Abenteuer. Man erstellt einen Charakter nach den eigenen Vorlieben und los geht’s. In Emilys Fall ist das eine Elfe, die ganz anders ist, als sie selbst.

Wer gerne einmal ein heldenhafter Ritter oder ein diebischer Pirat sein möchte, kann diesen Wunsch heutzutage vor dem Bildschirm, am Handy oder an einer Konsole ausleben. Doch es geht den Spielern nicht nur um das verprügeln von Monstern oder um das taktische Aufbauen einer Farm. Es gibt wesentlich wichtigere Beweggründe, ein Videospiel in die Hand zu nehmen.

Das Potenzial von Videospielen

Man kann seinen Horizont erweitern − beispielsweise öffnen „serious games“ den Zugang zu ernsten Themen. Diese Spiele beschäftigen sich mit Themen wie Mobbing, Verlust, Moral oder Flucht. Somit bekommt man Einblicke in verschiedene Situationen. Man erlebt beispielsweise die Folgen von schweren Entscheidungen oder man erweitert sein Einfühlungsvermögen für ernste Themen.

Die Kommunikationsfähigkeit wird ebenfalls verbessert. Die Donauer Universität Krems belegt, dass Videospiele soziale und kulturelle Barrieren abbauen. Robby Labahn hat dies während meines Interviews bestätigt. „Auf Menschen online zuzugehen ist einfacher, gerade als schüchterner Mensch. Im Spiel ist man ja theoretisch anonym. Da traue ich mich schon viel mehr.“ Videospiele verbessern außerdem reale Fähigkeiten wie Reaktionsgeschwindigkeit oder Konzentration. Bewiesen wurde dies von Forschern des Deutschen Ärzteblatts.

„Auf Menschen online zuzugehen ist einfacher, gerade als schüchterner Mensch.
Im Spiel ist man ja theoretisch anonym."

Ein weiterer Grund und wieso Emily spielt

Der wohl verbreitetste Grund, weshalb jemand ein Videospiel in die Hand nimmt, lautet: man erlebt Welten und Situationen, die anderswo nicht existieren oder für den Spieler unerreichbar sind. Sei es durch kulturelle, finanzielle, soziale oder körperliche Einschränkungen. Wie Emily. Sie hatte als 18-jährige einen schweren Autounfall. Emily konnte nichts dafür, wird aber ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt sein. Wenn sie heute ihre Elfe mit Pfeil, Bogen und magischen Kräften spielt, taucht sie so stark in diese Welt ein, dass sie wenigstens dort wieder das Gefühl von Bewegung haben kann. Emily gibt sich ganz dieser fantasievollen Geschichte hin und träumt ab und an im Alltag von ihrem barrierefreien Leben. Sie schöpft das Potenzial dieser virtuellen Welt voll aus. Sie kann ihren Freunden vielleicht nicht von ihrem letzten Fußballspiel erzählen, aber von ihrem letzten, epischen Kampf gegen einen Drachen schon.

Dragon geht zu Boden. Das Feuer durchdringt lansam seine Schuppen und färbt sie schwarz. Das Tier krümmt sich, lässt einen tobenden, letzten Schrei von sich und bleibt unbeweglich liegen. Ich klettere zur Lichtung hinab und knie mich neben den Drachen und entferne schnell und präzise eine Schuppe von seinem Hals, die nicht unter meinen Feuerpfeilen verfärbt wurde. Ich verstaue die Schuppe und richte mich auf. Ich entferne mich langsam von der Lichtung in Richtung Westen. Jetzt kann ich das tun, was wohl das schönste Gefühl überhaupt ist – ich renne los. Ich springe über kleine Felsen, sprinte durch das noch kühle, nasse Gras, vorbei an Büschen und Bäumen, wate durch einen tiefen Bach, und sprinte sofort wieder los, sobald ich ihn hinter mir gelassen habe. Ich fühle mich schwerelos.

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Voller Dankbarkeit, solch ein ähnliches Gefühl wie damals, ohne diesen eisernen Stuhl unter mir, nochmal irgendwo auf dieser Welt empfinden zu dürfen.